Da war ein Kontakt …

Die Krux mit der irreführenden Kommentatorenphrase

Es war die 44. Minute im Berliner Olympiastadion, als der Frankfurter Bas Dost allein auf das Berliner Tor zulief, nur noch den Berliner Torwart vor sich. Doch Rune Jarstein brauchte nicht mehr eingreifen, denn der Berliner Innenverteidiger Dedryck Boyata lief Bas Dost kurz vor der Strafraumlinie unbeabsichtigt in die Beine. Es war eine kurze und leichte Berührung, brachte den Stürmer aber in der Folge zu Fall.

Es dauerte nicht lange, da kam auch schon der gängige Moderatorenhinweis zur Szene: „Ja, da war ein Kontakt!“. Oft gefolgt von dem Hinweis, dass man den dann geben kann.

Ich habe mich schon immer an dieser phrasenhaft verkürzten Darstellung gestört. Denn die Bewertung suggiert in vielen Fällen, also auch ganz losgelöst von der Situation mit Boyata, dass allein eine Berührung schon als Foul zu bewerten sei. Und nur wenige Moderatoren nehmen in der Folge einen konkreten Bezug auf das Regelwerk, was spätestens jetzt eine wichtige Bewertungshilfe wäre.

Es ist nicht die einzige Moderatorenphrase, die m.E. auch inhaltlich eine völlig falsche Tendenz hat. Wie oft wird im Fußballumfeld der Begriff der Emotionen und der Emotionalität beschworen?

„Im Fußball bist Du emotional“

Das klingt im ersten Moment nicht falsch, als Fan lebe ich sogar vor, dass mich der Sport und die Verbindung mit dem Verein emotional trifft. Merkwürdig finde ich den Kontext, mit dem man diesen Hinweis verknüpft. Bei jedem Fehlverhalten, jeder Unsportlichkeit, jeder Unbeherrschtheit, die Relativierung mit dem Hinweis auf die „Emotionen“, sie folgt prompt und sie ist oftmals – wie ich finde – eine billige Ausrede für fehlende Selbstbeherrschung. Im Sport wird die Vorbildfunktion des Fußballs gerne mal strapaziert, aber wo sonst im Leben wird Fehlerverhalten so lapidar mit dem Hinweis entschuldigt, dass man alles durchgehen lassen kann, wenn man emotional ist? Wirklich nachvollziehbar finde ich das nicht und mir fehlt da bei vielen Beteiligten die notwendige Selbstreflexion.

Doch zurück zu der Situation, die das Spiel zwischen Hertha BSC und Eintracht Frankfurt kippen lies. Ich möchte nicht verschweigen, dass ich sicherlich kein Regelexperte bin , aber ich versuche dennoch eine Bewertung, die über das „da war ein Kontakt“ hinaus geht. Die Fußball-Regeln des DFB erstrecken sich über satte 164 Seiten. Hut ab vor den Schiedsrichtern, die sich dieses üppige Regelwerk merken können und müssen. Der Begriff „Kontakt“ wird dort tatsächlich 24 x genannt, allerdings wesentlich spezifischer, als es viele Fußballkommentatoren benennen.

Nachstehend zu Regel 12 wird u.a der indirekte Freistoß erläutert:

Ein direkter Freistoß wird gegeben, wenn ein Spieler eines der folgenden Vergehen gegenüber einem Gegner nach Einschätzung des Schiedsrichters fahrlässig, rücksichtslos oder übermäßig hart begeht:

  • Rempeln
  • Anspringen
  • Treten oder versuchtes Treten
  • Stoßen
  • Schlagen oder versuchtes Schlagen (einschließlich Kopfstößen)
  • Tackling mit dem Fuß (Tackling) oder Angriff mit einem anderen Körperteil.
  • Beinstellen oder versuchtes Beinstellen

„Fahrlässig“ bedeutet, dass ein Spieler unachtsam, unbesonnen oder unvorsichtig in einen Zweikampf geht. Es ist keine Disziplinarmaßnahme erforderlich.

Ich denke, dass man die unbeabsichtliche Berührung Boyatas (die man nur extrem schwer erkennen kann) als fahrlässiges Beinstellen bewerten darf, auch wenn man als Herthafan natürlich damit hadert, dass die leichte Berührung bei Bas Dost so schnell zum Fall des Spielers führt. Offenbar hat der Schiedsrichter die Ursächlichkeit der Berührung durch Boyata als ausreichend angesehen, auch wenn Dost in der Folge teilweise über die eigenen Beine stolpert. Schiedsrichter Leicher sah dies wohl auch als Folge der Berührung Boyatas an. Wegen der Vereitelung einer klaren Torchance kann man den Platzverweis dann durchaus erteilen, man muss es dann wohl sogar, wenn man konsequent handelt. Ich habe jedenfalls keinen Hertha-Spieler in Erinnerung, der noch hätte eingreifen können.

Insofern kann ich – schweren Herzens – die Entscheidung nachvollziehen, hader aber natürlich auch mit einer Situation, die für Hertha BSC schlicht sehr unglücklich verlief.

Die phrasenhaft genutzten Hinweise zum „Kontakt“ werden wohl bleiben, fürchte ich. Denn welcher Moderator wird sich diesen Artikel wirklich zu Herzen nehmen? Die Feststellung eines Kontaktes bleibt natürlich auch weiterhin eine notwendige Voraussetzung, um ein Foul erkennen zu können. Im nicht berührungsfreien Fußballsport gehört Körperkontakt dazu, eine Berührung ist aber noch lange nicht ein Foul und man sollte das so auch nicht suggerieren.

Bild von planet_fox auf Pixabay.

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